Leseprobe

Kapitel 1

Greta stand vor ihrem Schrank und zerknitterte das gelb geblümte Kleid in ihren Händen.

„Meinst du, ich sollte es anziehen?“

„Klar, ist doch hübsch. Und sommerlich, passt also gut.“ Ich bemühte mich, meine Stimme begeistert klingen zu lassen, aber es gelang mir nicht.

Greta hielt sich das Kleid vor den Körper und legte den Kopf schief.

„Es ist zu kurz, oder? Laya?“

„Es hat draußen über dreißig Grad. Nichts ist zu kurz.“ Ich zupfte an meinem eigenen Kleid, ein Billigteil, dehnte den schwarzen Stoff bis über die Knie, aber sobald ich losließ, sprang er in seine ursprüngliche Form zurück. Ich hatte es an meinem sechzehnten Geburtstag gekauft, in dem Irrglauben, dass die rein rechtliche Möglichkeit in Discos zu gehen auch dazu führte, dass ich es tat. Heute hatte ich es zum ersten Mal aus dem Schrank gezogen.

„Ich will nicht, dass es beim Tanzen hochrutscht. Das wäre mir so peinlich. Ich müsste immer darauf achten, dass es richtig sitzt.“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Mist, wir müssen bald los.“

„Lass dir Zeit.“ Ich schob die Klamottenhaufen auf ihrem Bett zur Seite und ließ mich auf die Matratze fallen. „Ich hab nichts dagegen, hier noch ein bisschen zu liegen. Ist grad so gemütlich.“

Greta lächelte, ihre Mundwinkel zuckten. Sie sagte nichts.

„Zieh einfach das an, worin du dich wohlfühlst.“ Ich griff nach dem Stoffpanda am Ende ihres Bettes, um meinen Händen eine Beschäftigung zu geben.

„Also nicht das Kleid“, sagte sie und schaute mich fragend an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Wenn du dich damit unwohl fühlst.“

Sie biss sich auf die Lippe. „Nein, das ist blöd. Ich zieh es an. Wozu hab ich es mir sonst gekauft?“

Sie zog das Kleid über ihr Top und ihre kurze Hose und drehte sich vor dem Spiegel ihrer Schranktür. Kopfschütteln. „Nein, ich fühle mich darin wirklich nicht wohl.“

Ich stöhnte leise.

„Tut mir leid. Ist das letzte Mal, dass ich mich umziehe, okay? Ich bleibe jetzt einfach bei einer Jeans und einem Top. Was meinst du, wer alles kommt?“ Sie zog das Kleid aus und warf es zu mir aufs Bett.

„Alle natürlich. Der ganze verdammte Jahrgang – hat sie nicht sogar Leute aus der Realschule nebendran eingeladen?“ Ich warf einen Blick auf meine Hände, sah, dass sie den armen Stoffpanda zu erwürgen drohten, und lockerte meinen Griff.

Gretas linkes Augenlid fing an zu zucken. „Und Mark und Philip? Denkst du, sie werden kommen?“

„Klar, die lassen sich doch keine Party entgehen. Louise, Scott, Adam, alle werden da sein.“ Mein Magen verkrampfte sich, während die Namen meinen Mund verließen, und ich stellte mir vor, wie ich zur Toilette stürzen und mich übergeben würde. Wie Greta mir beruhigend die Hand auf die Schulter legen und sagen würde, dass ich zu krank für eine Party war. Aber mein Magen hatte sich gut im Griff. So ging es mir oft – schlecht, aber nicht zu schlecht, um aufzufallen.

„Wahrscheinlich treffen wir sie gar nicht. Es werden so viele Leute kommen.“

„Von denen uns die meisten schon kennen.“

„Ja, aber nur in der Schule. Vielleicht hilft eine Party ja.“ Sie warf einen Blick zu ihrer Zimmertür und senkte ihre Stimme. „Wenn Alkohol im Spiel ist, versteht man sich immer besser mit den Leuten. Vielleicht merken sie dann, dass wir gar nicht so übel sind. Wir können doch auch Spaß haben, oder? Wir können auch cool sein.“

„Ja“, erwiderte ich trocken, „wir sind sowas von cool.“

Ihr kurzes Lachen wurde zu einem Seufzer. „Ich weiß, dass du das ironisch meinst. Aber immerhin hat sie den ganzen Jahrgang eingeladen, was uns miteinschließt. Das ist doch schon mal was.“

Ich lachte verzweifelt auf. „Wow. Wie nett von ihr. Stell dir das mal vor: ‚Leuteee, ich feiere mit euch meinen Achtzehnten und ihr seid alle eingeladen – oh, bis auf Greta und Laya‘. Oh Mann.“ Ich hatte für Julias Worte meine Stimme ein paar Töne höhergeschraubt und Greta damit ein vorwurfsvolles Lächeln entlockt.

„Es ist ein Anfang. Vielleicht wird jetzt alles besser.“

„Ja. Ganz bestimmt.“ Meine Stimme triefte vor Ironie. Reiß dich zusammen, sagte ich mir. Ich hatte oft genug versucht, Greta diese Hausparty auszureden. Aber heute war ihr Geburtstag und den wollte ich ihr nicht verderben.

Sie verschwand im Bad und ließ mich mit einem elenden Gefühl zurück. Mein Blick wanderte über aufgerissene Schubladen, umgedrehte Jeansbeine und das Regalbrett mit Hardcover-Büchern über ihrem Schreibtisch. Diese dicken Fantasy-Wälzer, die sie so sehr liebte. Sie waren das einzige, was in diesem Chaos an die frühere Greta erinnerte. Die, die nicht auf Partys ging, die das Laken auf ihrem Bett glattstrich und die Schubladen ihres Kleiderschranks schloss.

Greta öffnete die Zimmertür, ohne ganz einzutreten, als wollte sie etwas vor mir verbergen. „Ich bin fertig. Wir können los.“

Ich nickte, schob mich von ihrem Bett und zupfte wieder an meinem Kleid. Ich hatte das Gefühl, dass es in der letzten Stunde geschrumpft war. Vielleicht hätte ich ein längeres anziehen sollen. Vielleicht … aber jetzt war es zu spät. Ich konnte mich nicht erst über Greta aufregen und dann den gleichen Mist abziehen. Während ich ihr die Treppe nach unten folgte, hörte ich sie leise sagen: „Wenn wir nicht gehen, wird es nur noch schlimmer.“

Im Wohnzimmer empfing uns ihre Mutter und strahlte uns an. „Meine beiden hübschen Mädchen! Mensch, ihr seht so toll aus. Ich bin wirklich neidisch.“ Linda trug ihre krausen, graubraunen Haare wie immer in einem Dutt und lachte uns mit tausend winzigen Fältchen im Gesicht an. Äußerlich sah sie alt aus, aber ihre hellblauen Augen leuchteten in kindischem Eifer. Sie legte ihrer Tochter einen Arm um die Schulter und da erst verstand ich, warum Greta sich vorhin so geniert hatte. Sie hatte sich geschminkt. Verstohlen betrachtete ich ihre feinen Gesichtszüge, ihre blauen Augen waren von einem schwarzen Strich umrandet und ihre Lippen glitzerten.

„Na dann, wollen wir los?“ Linda schlüpfte in ihre Sandalen und schnappte sich den Autoschlüssel. Greta und ich setzten uns auf die Rückbank.

„Ihr wisst ja, ihr könnt mich jederzeit anrufen“, betonte Linda während der Fahrt, „egal wann, ich hole euch ab. Ich bleibe bis dahin sowieso wach.“ Sie drehte das Radio auf und summte mit. Ich kurbelte das Fenster herunter und ließ den warmen Wind über mein Gesicht wehen. Die Straßen lagen bereits im Schatten, die Luft fühlte sich dicht an und es roch nach Abgasen.

„Und wer ist das nochmal, der euch da eingeladen hat?“, fragte Linda. Eine Baustelle verengte die Straße und sie musste abbremsen.

„Sie heißt Julia“, sagte Greta, „sie ist in unserem Jahrgang und feiert heute ihren achtzehnten.“

„Na, so ein Zufall. Am gleichen Tag wie du!“

„Ja, aber ich glaube, sie hatte schon gestern Geburtstag.“

„Ihr hättet ja zusammen feiern können.“

„Ja, Mama, so in etwa ist es ja auch. Sie hat ihre zweihundert Freunde eingeladen und ich Laya. Es hätte also keinen Unterschied gemacht. Nur, dass sie nicht mit mir hätte feiern wollen.“

„Ach Schatz, ich bin mir sicher, eure Klassenkameraden würden euch mögen, wenn sie euch nur besser kennenlernen würden. Aber eigentlich spielt das auch keine Rolle, denn du bist perfekt, so wie du bist, ganz egal was andere sagen.“

Ich schwieg. Perfekt. Dieses Wort in Verbindung mit meiner Person wäre meinen Eltern nie über die Lippen gekommen. Nein, keine Chance. Aber wer war schon perfekt? Es war doch lächerlich, wie Linda ihre Tochter mit übertriebenen Komplimenten überhäufte.

Als wir Julias Haus erblickten, fing Greta an zu lachen. „Du und Papa solltet euch vermutlich glücklich schätzen, dass ich nicht so beliebt bin, so eine Party hätte euch ein Vermögen gekostet.“

„Tja, Julias Eltern können sich das offenbar leisten“, sagte Linda bewundernd, „was für eine Gegend!“

Die Spitze des dunkelblauen, pyramidenförmigen Dachs lag in der Abendsonne. Ein ausladender Balkon schmiegte sich an die cremefarbenen Wände des Hauses, das untere Stockwerk wurde von einer Hecke verborgen.

„Ruft an, wenn ich euch abholen soll“, sagte Linda ein weiteres Mal, „habt einen schönen Abend, ihr zwei!“

Wir stiegen aus und öffneten ein quietschendes Gartentor. Laute Musik drang aus der offenen Eingangstür. Julia lehnte daneben an einer Säule und quatschte mit zwei anderen, ein Bier in der Hand.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, ohne Begrüßung an den dreien vorbei ins Haus zu marschieren. Aber Greta wurde langsamer, fiel hinter mir zurück, und ich hörte ihre helle, zerbrechliche Stimme. „Hallo.“

Ich sah, wie Julia ihren beiden Gesprächspartnern einen Blick zuwarf – doch dann breitete sich zu meiner Überraschung ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, sie stieß sich von der Säule ab und kam auf Greta zu.

„Hey, naaaaa?“ Ihre Stimme rutschte innerhalb eines Wortes ein paar Oktaven in die Höhe. Sie ging an Greta vorbei und umarmte zwei Jungs, die gerade durch das Gartentor kamen. Sie plauderten zu dritt und schenken uns keine Beachtung mehr. Ich deutete zum Eingang und Greta nickte. Ihre Augen hatten aufgehört zu glänzen und starrten matt und versunken vor sich hin. Klasse. Ich warf Julia einen wütenden Blick zu, aber ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Was hätte ich auch sagen sollen? Warum habt ihr euch solche Blicke zugeworfen? Warum ignoriert ihr uns? Das war lächerlich – und genauso hätte Julia reagiert. Mit Gelächter.

Greta hatte zu mir aufgeholt, und gemeinsam betraten wir das Haus. Das Wohnzimmer platzte vor Menschen und deren Ausdünstungen, und überforderte alle Sinne auf einmal. Tanzende, lachende, quatschende Menschen, es roch nach Schweiß, Deo und Bier, rote Plastikbecher wurden durch die Gegend geschwenkt, feuchte Haut berührte meinen Arm.

Verblüfft blieb ich stehen, und prompt trat mir jemand auf die Zehen. Ich biss die Zähne zusammen und widerstand dem Drang, laut zu fluchen. Immerhin war es so voll, dass wir tatsächlich eine realistische Chance hatten, Mark den ganzen Abend lang nicht zu begegnen.

„Oha“, rief ich über den Lärm und drehte mich zu Greta, „das ist –‍“ Ich brach ab, als ich ihr Gesicht sah. Ihr Blick flackerte über die knapp bekleideten Menschen, in die Enge getrieben wie ein Reh. Auf einmal sah sie noch verletzlicher aus als sonst, wirkte noch kleiner, und ich wusste, dass sie es sich anders vorgestellt hatte. In ihrer Vorstellung hätte Julia uns umarmt, wie sie die beiden Jungs umarmt hatte, dann hätte sie angeboten, uns das Haus zu zeigen, und wir hätten uns im Anschluss zu ein paar Leuten gesetzt und bei ihrem Spiel mitgespielt, was auch immer es war. Und nebenbei noch etwas getrunken. Vielleicht sogar aus roten Plastikbechern, ja, das könnte sein. Aber rote Plastikbecher waren auch schon alles, was Traum und Wirklichkeit gemeinsam hatten.

„So feiern andere ihren achtzehnten Geburtstag“, sagte Greta so leise, dass ich es kaum verstand, „und was mache ich? Ich besuche den Geburtstag einer anderen.“ Sie redete mit sich selbst und ich war froh, nicht antworten zu müssen. Mir fiel nichts ein, was es hätte besser machen können.

„Komm, wir holen uns was zu trinken!“, rief ich ihr zu, packte ihre Hand und schleifte sie mit. Das hochprozentige Zeug war mit ein paar Schüsseln Snacks auf einem Buffet aufgereiht, darunter befanden sich jede Menge Bierkisten.

„Für dich gibt es leider nur Bier“, sagte Greta zu mir und da wusste ich, dass sie sich wieder eingekriegt hatte.

„Pff. Ein Monat noch“, erwiderte ich schnippisch, „ich sehe sowieso älter aus als du, das merkt niemand, wenn ich ein bisschen Rum trinke.“

Sie lächelte. „Okay, ich erlaube es dir. Ausnahmsweise.“

„Oh, wie gütig von dir.“ Ich grinste zurück. „Die paar Tage, die du älter bist, musst du ausnutzen, was?“

„Klar.“ Sie kicherte. „Du kennst mich doch.“

„Wart’s ab, bis wir dreißig sind. Dann kriegst du die Panik, wenn da eine drei an erster Stelle steht, während ich noch in meinen Zwanzigern bin.“

„Weißt du, was das heißen würde? Dass wir dann schon über fünfundzwanzig Jahre befreundet wären.“

Wir mischten uns beide ein Glas Cola mit Rum und blieben am Buffet stehen. Greta trank einen großzügigen Schluck, dann steckte sie sich ihre freie Hand in die Hosentasche. Ich wünschte, ich könnte dasselbe tun. Kurz stellte ich mir vor, wie steif ich für andere aussehen musste, und hörte die Stimme meiner Mutter: Lass die Schultern nicht so hängen, Maus. Aus dem Augenwinkel sah ich Julia, wie sie geschmeidig neben einem älteren Jungen tanzte, und wünschte, ich wäre genauso locker wie sie.

Jemand rempelte mich an. „Ihr seid im Weg, stellt euch woanders hin.“

Wir hasteten zur Seite und machten uns auf die Suche nach einem Sitzplatz. Auf dem Sofa war man bereits in der zweiten Reihe angekommen, vier Mädchen saßen verteilt auf drei Schößen, die beiden Sessel waren ebenfalls besetzt. Dann entdeckte ich die offene Terrassentür. Draußen war es etwas ruhiger, ein paar Leute hatten Liegestühle in Beschlag genommen, andere spielten an einer Tischtennisplatte. Ein blaues Schimmern aus dem Augenwinkel erregte meine Aufmerksamkeit und ich blieb wie erstarrt stehen.

„Die haben sogar einen Pool“, murmelte Greta mit der gleichen Bewunderung, die vorhin in Lindas Stimme geklungen hatte, „guck mal, der hintere Liegestuhl ist noch frei, wollen wir uns da hinsetzen?“ Jetzt schien sie verstanden zu haben, was mich störte. „Oh Laya, tut mir leid, wir können auch woanders hin.“

„Nein“, sagte ich langsam, „geht schon.“

Ich achtete darauf, dem Wasser nicht zu nahe zu kommen, als wir an den besetzten Liegestühlen vorbeiliefen und uns auf dem hintersten niederließen. Zwei einsame Zuschauer auf der Ersatzbank, abgeschottet von der Party. Aber wenigstens war es hier ruhiger. Eine Weile nippten wir an unserem Rum Cola und beobachteten ein paar Leute, wie sie an der Tischtennisplatte Bierpong spielten. Greta seufzte von Zeit zu Zeit und wir wechselten uns mit dem Getränkeholen ab, um unseren Platz nicht zu verlieren. Weitere Grüppchen gesellten sich nach draußen, manche sprangen in den Pool, andere wickelten Tabak oder Gras in kleine Papierstückchen und rauchten.

Irgendwann sagte Greta aus dem Nichts: „Ach Laya, warum kann nicht einfach ein super netter Typ auf mich zukommen und mich auf einen Kaffee einladen? Warum muss es immer so kompliziert sein? Oder warum setzen sich nicht zwei süße Jungs neben uns, fragen uns Dinge und bringen uns zum Lachen. Und dann laden sie uns auf ein Doppeldate ein und etwa ein halbes Jahr später, also im Winter, schlendern wir zu viert über den Weihnachtsmarkt und spielen abends zusammen Risiko oder Monopoly.“

Ich musste lachen, aber bevor ich antworten konnte, drangen Gelächter und Schreie zu uns und dann stürmte eine ganze Meute in den Garten, schubste sich gegenseitig in den Pool, machte Arschbomben ins Wasser und spritzte sich nass.

„Du Spasti!“ Ich hätte diese Stimme überall erkannt. Scott. Kurz darauf entdeckte ich ihn mit seinem hellbraunen Lockenschopf mitten im Pool und neben ihm war Mark. Ein Gefühl überkam mich, als würde mein Körper auf den Grund eines Sees sinken. Marks weiße Zähne blitzten und die blonden Haare klebten ihm nass auf der Stirn. Er hielt die Hand flach über dem Wasser, jeden Moment würde er einen weiteren Schwall in Scotts Richtung schicken. Sein Lachen zog die Aufmerksamkeit einiger Leute auf sich und er machte sich daran, Scott eine ordentliche Abreibung zu verpassen. Ich schaute weg. Sah stattdessen wieder den Leuten an der Tischtennisplatte bei ihrem Trinkspiel zu.

„Ich hole uns nochmal was zu trinken“, sagte Greta und stand auf, „Cola mit Rum?“

Ich nickte nur und blieb sitzen, doch sobald sie außer Sichtweite war, wurde es noch unerträglicher.

„Hey!“, hörte ich ein Rufen. „Hey, du! Hallo? Ist da jemand?“

Ich drehte mich zurück zum Pool und errötete. Die Worte galten mir. Julia stand im Becken, ihre gebräunten Schultern fingerbreit mit Wasser bedeckt, und fixierte mich mit einem überlegenen Blick.

„Du siehst aus, als würdest du dich langweilen. Komm doch zu uns in den Pool und hab’n bisschen Spaß!“

Ich schüttelte hastig den Kopf. „Nein danke. Ich meine, ich – ich hab Spaß, ich wollte sowieso gerade reingehen.“ Ich stand auf und ging mit zittrigen Beinen am Pool vorbei. Scheiße. Jetzt hättest du ein Mal die Gelegenheit gehabt bei etwas mitzumachen und lehnst ab. Ich wusste genau, dass zahlreiche Augenpaare auf mir lasteten und mir stumm Langweilerin! nachriefen.

Plötzlich traf mich ein Stoß von der Seite, ich taumelte und sah überrascht auf. Mark kam auf mich zu. Er war nicht mehr im Wasser, er stand direkt vor mir, mit seinem Raubtierlächeln und den eisblauen Augen. Noch während ich versuchte, mein Gleichgewicht zu fangen, schubste er mich erneut und ich fiel rückwärts. Ein Schrei zuckte durch die Nacht, ein lautes Platschen, und dann war überall nur noch Wasser. Ich strampelte, versuchte Abstand zu gewinnen, aber es presste mich zusammen, floss durch meine Adern und füllte meine Lunge. Gelächter schallte durch den Garten, zwischen meinem eigenen Keuchen rief jemand „Ey, was geht denn mit der ab?“, während ich kämpfte, nach Luft schnappte. Meine Beine. Ich versuchte zu treten, aber jemand hatte sie mit Klebeband umwickelt, ich konnte sie nicht bewegen. Meine Arme schlugen wie Nudelhölzer nutzlos durch die Gegend. Das Lachen der anderen hallte durch meinen Kopf und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als weit weit weg zu sein. Auf einmal spürte ich Arme an meinem Oberkörper und ich dachte: Jetzt ist es vorbei, Mark wird mich unter Wasser drücken. Die Arme zogen mich, aber ich wusste nicht in welche Richtung, alles war dunkel und voller tanzender Pünktchen. Dann berührte etwas meine Finger, das war der Rand, ich konnte mich festhalten. Ich hustete und wusste, dass ich mich einfach nur festhalten musste, egal was kommen mochte, nicht mehr loslassen. Wieder legten sich Arme um meinen Brustkorb und hoben mich aus dem Wasser. Ich protestierte, als der nasse Stein meinen Fingern entglitt, aber im nächsten Moment saß ich auf festem Boden.

„Alles okay?“, fragte eine tiefe Stimme. Leise und fremd. Langsam klarte mein Sichtfeld auf, die Pünktchen verschwanden. Dunkle, ernste Augen starrten mich an und ich wusste nicht, was ich ihnen antworten sollte. Ob alles okay ist? Vielleicht kannst du es mir sagen. Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Tränen brannten in meinen Augen und ich war fast froh nass zu sein, so würde wenigstens das nicht auffallen. Hitze schoss mir ins Gesicht. Mein Kleid klebte wie eine zweite Haut an meinem Körper – was, wenn es durch das Wasser durchsichtig wurde? Oder wenn es im Pool hochgerutscht war?

„Komm, wir sollten gehen“, sagte der Typ. Er saß vor mir in der Hocke und streckte mir eine Hand entgegen, die ich nicht nehmen konnte. Ich war wie gelähmt. Saß mit hängenden Schultern und von mir gestreckten Beinen auf dem kalten Boden, fühlte mich wie ein Kleinkind. Der Schock steckte mir immer noch in den Gliedern. Das Gefühl des Ertrinkens, im Wasser und im Gelächter der anderen.

Hände legten sich um meine Oberarme und halfen mir, mich aufzurappeln. Ich sah mich nicht um, immer nur auf den Boden. Die anderen waren noch da, ich hörte es an ihren Stimmen, den unterdrückten Lachern, die allmählich ausgelassener wurden. Die Stimmung kam wieder in Schwung, während ich in Begleitung des jungen Mannes den Garten verließ.

„Wir müssen nicht durchs Haus, es gibt einen Weg außen herum“, hörte ich ihn sagen. Ein paar Laternen beleuchteten einen geschlängelten Kiesweg, die Geräusche wurden leiser und ich hatte endlich wieder das Gefühl, atmen zu können. Es war warm, die Luft drückend, aber ich sog sie gierig in mich auf.

Ich ließ mich auf eine Bank fallen und starrte mit hängenden Schultern über die Umrisse eines Blumenbeets, schwarze Zweige und Blüten erhoben sich aus der dunklen Masse.

„Wie geht’s dir?“

Die Besorgnis in seiner Stimme rührte mich. Warum war er immer noch hier? Warum hatte er mich nicht am Pool sitzen lassen und ein bisschen gelacht, so wie die anderen?

„Gut“, krächzte ich mit bebender Unterlippe. Etwas Warmes löste sich aus meinem Augenwinkel und rann über meine Wange.

„Ist dir kalt?“

„Es geht schon. Dir?“ Ich sah kurz zu ihm. Die Spitzen seiner Haare glänzten leicht im Schein einer Wandleuchte, sie waren noch nass, aber er hatte sie sich aus dem Gesicht gestrichen. Er sah jünger aus, als ich ihn zunächst eingeschätzt hatte, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Seine Nase war lang und schmal, und in der Dunkelheit sahen seine Augen tiefschwarz aus, umrahmt von dichten Wimpern. Bestimmt einer der Studenten, mit denen Julia so angegeben hatte.

Meine Gegenfrage überraschte ihn. „Nein, alles bestens. Ist ja warm genug.“

„Danke“, sagte ich leise.

Er nickte nur. „Diese Leute am Pool – triffst du die öfter?“

„Ich hab die meisten Kurse mit ihnen.“

„Du solltest ihnen aus dem Weg gehen.“

Ein verzweifeltes Lachen entfuhr mir. „Das versuche ich schon seit der siebten Klasse.“

Er schwieg und ich biss mir auf die Lippe. Ich hätte die Klappe halten sollen.

„Dann war das also keine einmalige Sache“, stellte er leise fest. „Wer ist der blonde Kerl?“

„Meinst du Mark? Den mit der hellgrünen Badehose?“

„Genau den.“

„Er ist ein Arschloch.“

Ich hörte ihn leise lachen. „Das erklärt einiges.“

In der Dunkelheit scharrte etwas über den Kies und mein Körper spannte sich instinktiv an. Fast erwartete ich Marks Lächeln aus den Schatten auftauchen, aber es war ein Fremder. Seine stechend schwarzen Augen fixierten mich und ich konnte nicht anders, als seinem Blick auszuweichen. Die anderen aus meinem Kurs hätten sich über ihn lustig gemacht, über sein übergroßes T-Shirt und die verschlissene Camouflage-Hose, über seinen unförmigen Kopf, bei dem einem der Begriff „Kartoffel“ früher oder später in den Sinn kam. Aber er verströmte auch etwas Beunruhigendes, etwas, das einem sagte, ihm besser nicht allein in einer dunklen Gasse zu begegnen.

„Da bist du“, sagte er mit einer überraschend leisen Stimme, „dachte, wir haben noch was zu erledigen.“

„Jetzt nicht“, erwiderte der Typ neben mir.

Das Gespräch der beiden riss mich aus der Abgeschiedenheit des Gartens, zwang mich zurück in die Realität. Mark hatte mich in den Pool geschubst, aber davor, davor war Greta aufgestanden, um uns Drinks zu holen, und sie war nicht wiedergekommen.

„Ich muss sowieso nach meiner Freundin suchen“, murmelte ich.

„Ist sie hier?“

„Ja, sie wollte uns was zu trinken holen.“

„Du willst da wirklich wieder reingehen?“, fragte der Typ neben mir.

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich kann sie auch nicht allein lassen. Die anderen –‍“

„Faisal kann nach ihr suchen. Er wird sie zu dir rausschicken, wenn er sie gefunden hat. Wie sieht sie aus?“

„Äh, sie hat hellbraune Locken bis zum Kinn, sehr helle Haut. Und sie ist klein“, stotterte ich vor mich hin, „und sehr dünn. Sie … trägt eine kurze Hose und ein weißes Top mit roten Blumen drauf.“

Dieser Mann, Faisal, drehte sich wortlos um und ging. Der Kies knirschte unter den Sohlen seiner Stiefel. Stiefel. Auf einer Sommerparty. Ich starrte ihm hinterher und hätte am liebsten die Hand ausgestreckt, um ihn festzuhalten. Mein Körper war ausgelaugt, zittrig vor Schwäche, aber ich wusste, dass ich Greta helfen musste.

„Ich muss sie selbst suchen. Ich kann hier nicht tatenlos rumsitzen.“ Ich stand auf und zog an meinem Kleid. Der nasse Stoff löste sich kurz und sog sich wieder an meine Haut.

„Denkst du, sie würden ihr etwas antun?“ Er war ebenfalls aufgestanden und schob sich die Hände in die Hosentaschen. Er trug eine dunkelblaue Jeans und ein schwarzes, an den Ärmeln hochgekrempeltes Hemd, beides bis auf die Haut durchnässt. Aber er ließ sich nichts anmerken.

„Ich weiß es nicht.“

„Ich helf’ dir.“

Überrascht von der Selbstverständlichkeit seiner Worte sah ich zu ihm auf. Er war fast einen Kopf größer als ich, aber sein Gesicht lag im Schatten und ließ keine Regung erkennen.

„Ich heiße übrigens Jarrad“, bot er nach kurzem Schweigen zögerlich an.

Und zum ersten Mal traute sich wieder ein kleines Lächeln auf mein Gesicht.

„Laya“, erwiderte ich zaghaft.

„Okay Laya, wahrscheinlich wird sie irgendwo im Haus sein, oder?“

„Ich denke schon. Oder sie ist zurück zum Pool, da saßen wir vorhin.“

„Lass uns erst mal drinnen nachsehen.“

Wir folgten dem Kiesweg bis zur Eingangstür, begleitet vom Quietschen meiner nassen Sandalen, und betraten von dort das Haus. Die Leute standen so dicht gedrängt wie zuvor, die Luft war schwül und gesättigt von dem Geruch nach Deo, Schweiß und Zigaretten. Ich blieb dicht hinter Jarrad und musterte ihn, während wir uns einen Weg durch die Menge bahnten. Nass waren seine Haare schwarz erschienen, nun trockneten sie und nahmen einen dunklen Braunton an. Ich dachte daran, wie offen und ehrlich er mich angesehen hatte, dort am Pool. Ich hatte das Gefühl, dass er mir nicht nur aus Höflichkeit geholfen hatte – sondern weil es etwas in ihm berührt hatte.

Wir kamen an dem langen Tisch mit den Getränken vorbei. Greta war nirgends zu sehen. Jarrad blieb so abrupt stehen, dass ich fast mit ihm zusammenstieß. Meine Hand landete auf seinem Rücken, ich murmelte „Entschuldigung“, aber er hörte es nicht. Er starrte über die Köpfe der Leute hinweg in Richtung Garten und sein Körper schien festgefroren zu sein.

„Da stimmt etwas nicht“, sagte er. Ich folgte seinem Blick und sah, was er meinte: An der Terrassentür gab es ein Gedränge, die Leute wollten nach draußen.

„Komm mit.“ Wieder begab er sich in die Masse der Menschen, drängte sie zur Seite und sorgte dafür, dass ich hinter ihm blieb. Dann stolperten auch wir nach draußen, zeitgleich mit drei anderen. Bevor ich mich orientieren konnte, war Jarrad verschwunden.

„Oh mein Gott!“ Das helle Kreischen eines Mädchens übertönte die Musik und ich drehte mich instinktiv nach rechts, von wo es hergekommen war. Eine Menschentraube verdeckte den Pool und ich schloss mich ihr an, stellte mich auf die Zehenspitzen und da sah ich es. Blutrote Kringel wirbelten durch das Wasser und verzweigten sich zu einem abstrakten Gewächs, das immer größer und komplexer wurde. Am Rand kniete Faisal, und er hielt etwas in den Armen.

Ich fiel.

„Lasst mich durch.“ War das meine Stimme? „Lasst mich durch!“ Die Worte klangen schrill in meinen Ohren, aber sie wirkten, man machte mir Platz und dann legten sich Finger um mein Handgelenk und zogen mich näher.

„Ist sie das? Laya, ist das deine Freundin?“ Jarrads Gesicht tauchte vor mir auf und redete auf mich ein. Ich nickte stumm. Ein Gedanke formte sich in der Leere meines Kopfes und ich klammerte mich verzweifelt daran fest, froh, etwas Sinnvolles von mir geben zu können. „Wir brauchen einen Notarzt!“

„Hab ich schon gerufen“, sagte Faisal. Er hatte Greta auf den Boden gelegt, sein Shirt ausgezogen und es ihr um die Stirn gewickelt. Und jetzt verstand ich, woher das Blut kam. Es war ihr Kopf. Ganz ruhig lag sie da, fast, als würde sie schlafen. Dann sah ich ihr linkes Bein. Oh Gott. Ich musste würgen, aber es kam nichts heraus. Es sah aus, als hätte man es abgebrochen und im falschen Winkel wieder angebracht.

„Los, geht zur Seite“, hörte ich Jarrad rufen und die Menge hinter mir setzte sich in Bewegung. „Na los, macht schon, der Notarzt muss hier durch.“

Ein Schleier hatte sich über mich gelegt und ließ meine Sinne abstumpfen. Ich spürte eine sanfte Berührung an meiner Schulter, nicht mehr als eine Feder, Geräusche klangen dumpf, dann mischte sich eine Sirene darunter, Stimmen redeten auf mich ein und ich antwortete automatisiert. Gretas Körper wurde auf eine Trage gelegt. An ihren Haarspitzen bildeten sich rötliche Tropfen, die langsam hinabkletterten und sich fallen ließen. Sie zerplatzten am Boden und hinterließen eine Wasserspur, die vom Pool durch das Haus wanderte und im Krankenwagen verschwand. Ich folgte ihnen, bis meine Hände das harte Metall des Gartentors zu fassen bekamen und sich festhielten.

„Ist sie eine Freundin von dir?“

Eine blaue Uniform drängte sich in mein Sichtfeld. Sie gehörte einer Frau mit blondem Pferdeschwanz.

Ich nickte beklommen.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Es tut mir leid, dass das passiert ist. Komm, wir gehen ein bisschen zur Seite.“ Ihr Griff verstärkte sich und ich gab dem Druck nach. Das Gartentor gab einen protestierenden Laut von sich, als sich meine Finger lösten, und ich dachte, wie es hätte sein können, wenn wir uns vor wenigen Stunden dazu entschieden hätten, nicht dieses Tor zu öffnen. Wir hätten zusammen ins Kino gehen können, danach einen ruhigen Abend verbringen, Kakao trinken und quatschen. Über die Schule, wie deprimierend es war, allein zu sein, über die Hoffnung, dass eines Tages alles besser werden würde, vielleicht nach dem Abi, im Studium. Dann wären wir wieder auf die Schule zu sprechen gekommen und unser Gespräch hätte sich im Kreis gedreht, weiter und weiter, aber das machte nichts, denn es half uns.

Ich lief zwischen Gartenzaun und der Polizistin, ihre Hand noch immer auf meiner Schulter. Nach ein paar Metern blieb sie stehen und wir setzten uns auf den Rand eines sechseckigen Steinkübels, der zur Verkehrsberuhigung auf der Straße stand. Sirenen gingen los und ich zuckte zusammen. Als ich aufsah, brauste der Krankenwagen davon. Die Sirenen wurden leiser und hinterließen eine unheimliche Stille.

„Wie heißt du?“

„Laya. Seidel.“

Ihre Stimme war beruhigend, floss wie ein Bach durch mich hindurch und ich vergaß das Meiste unseres Gesprächs. Sie fragte nach Greta, und ob ich wüsste, was passiert war, aber ich wusste es nicht.

Wir gingen wieder zurück zu den Partygästen, die sich in kleinen Grüppchen auf der Straße und im Garten verteilten. Die Musik war aus; Stimmengewirr erfüllte die Luft, eine wilde Mischung aus Aufregung, Betrunkenheit, die ersten Gerüchte, die sich ausbreiten würden. Für mich klang es wie wütendes Bienensummen.

„Gibt es jemanden, den ich für dich anrufen kann?“, fragte die blonde Polizistin.

Ich zögerte. „Ich möchte zu ihr ins Krankenhaus“, sagte ich.

„Wenn du willst, kann ich dich hinfahren“, bot Jarrad an. Ich zuckte zusammen. Hatte nicht bemerkt, dass er neben mir stand, Hände in den Hosentaschen vergraben und mit angezogenen Schultern.

Die Polizistin blickte fragend von mir zu Jarrad und wieder zurück.

Ich nickte.

„Ich glaube nicht, dass du deine Freundin im Moment besuchen kannst“, sagte sie zögerlich.

„Ist mir egal.“

Sie fragte nach Gretas Eltern und ich gab ihr die Telefonnummer, dann gingen Jarrad und ich zu seinem Auto, das in einer Nebenstraße parkte. Die Lichter eines schwarzlackierten BMWs blinkten auf und ich fragte mich, ob seine Eltern so reich waren wie Julias und sie sich daher kannten. Aber eigentlich spielte es auch keine Rolle.

„Sie wird es überleben.“ Jarrads Stimme durchbrach die Stille im Auto.

Ich sah zu ihm und wagte kaum zu hoffen, dass er recht haben mochte. „Woher weißt du das?“

„Sie war noch am Leben. Ihr Zustand war nicht gut, aber schien sich nicht schnell verschlechtert zu haben. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf und ihre Beine – dazu kann ich nichts sagen. Aber sie wird es überleben.“

„Bist du Sanitäter?“

Er lächelte schwach. „Nein.“

Ich schluckte. „Danke, dass ihr geholfen habt.“

„Ist doch klar.“

„Keine Ahnung. Kein anderer ist ihr zu Hilfe geeilt. Sie muss da im Wasser gelegen haben und –‍“ Mir kamen Tränen, still bahnten sie sich ihren Weg über meine Wangen. Ich konnte kaum mehr sprechen. „Wie konnte das passieren?“

„Faisal meint, sie wäre vom Balkon gefallen, der war fast direkt über dem Pool. Sie muss irgendwie auf der Kante gelandet sein.“

Ein kleines Schluchzen entwich meinem Mund, es war mir peinlich, aber ich konnte nichts dagegen tun. Vor meinem inneren Auge sah ich Gretas gebrochenen Körper und ein lautes Knacken hallte durch meinen Kopf, als ihre zierlichen Knochen auf dem Stein aufschlugen, immer und immer wieder. Die Vorstellung davon grub sich tief in meine Gedanken und je mehr ich dagegen ankämpfte, desto aufdringlicher wurde das Knacken.

„Tut mir leid“, sagte Jarrad leise. Ich konnte nicht antworten, ohne in Schluchzen auszubrechen. Tränen verschleierten die Windschutzscheibe und die Dunkelheit, die sich dahinter erstreckte. Jarrad nestelte in dem Fach zwischen uns herum und reichte mir ein Taschentuch.

„Sag mal“, meinte er zurückhaltend, „denkst du, es war ein Unfall? Oder hat das jemand mit Absicht getan?“

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Zutrauen würde ich es denen“, flüsterte ich.

Der Wagen bremste ab und bog auf den Besucherparkplatz. Sobald wir hielten, sprang ich heraus, dann zögerte ich kurz.

„Laya?“

„Ja?“ Ich beugte mich zurück ins Auto und unsere Blicke trafen sich. Er strahlte eine tiefe Ruhe aus, die mich unbewusst aufatmen ließ und mich daran erinnerte, dass es mehr gab, mehr als diese Party, mehr als Frankfurt, mehr als den heutigen Abend. Und für einen Moment fühlte ich mich nicht allein.

„Pass auf dich auf, okay?“

Ich nickte, murmelte „Danke für’s Herfahren“ und drückte die Autotür zu. Überquerte eine Straße, dann den Vorplatz des Krankenhauses. Die langen Reihen beleuchteter Fenster wirkten beruhigend auf mich und ich hoffte, dass Greta in einem dieser Zimmer lag und atmete. Ich hoffte es so sehr, dass mir ein letztes Mal Tränen kamen. Ich wischte sie weg, bevor ich die Notaufnahme erreichte.


Du möchtest noch mehr lesen? Dann kannst du hier das Taschenbuch oder eBook bestellen.